Von Star Citizen, StarCraft und jeder Menge dreckiger Wäsche

24.08.2026 @Tim
Die Empörung über gescheiterte Versprechen ist im Crowdfunding oft groß. Doch zwischen verspäteten Boxen, chaotischen Fulfillments und enttäuschten Backern stehen Geschichten, die man noch Jahre später erzählt.
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Mittwochabend, Livestream bei Star Citizen: Rund 14 Jahre nach dem Start des Crowdfundings will Cloud Imperium zeigen, was die aktuelle Version kann. Doch Waffen, KI und Missionsabläufe machen Probleme, die Entwickler wirken zunehmend frustriert und irgendwann ist Schluss. Für ein Projekt, das inzwischen mehr als eine Milliarde US-Dollar an Community-Finanzierung eingesammelt hat, ist das natürlich ein gefundenes Fressen.

Die Crowdfunding-Odyssee von Star Citizen ist inzwischen ohnehin fast zu einer modernen Legende geworden. Chris Roberts würde sich vermutlich wünschen, dass das Spiel irgendwann fertig wird, seine Backer vermutlich auch. Ein Freund von mir war von Anfang an dabei und hat über die Jahre noch einige hundert Euro nachgeschossen. Frage ich ihn heute nach dem Stand, zuckt er nur mit den Schultern: „Keine Ahnung, wo die gerade stehen.“

Alte Leichen im StarCraft-Keller

Auch rund um den derzeitigen StarCraft-Launch von Archon Studio wird gerade wieder eine alte Crowdfunding-Geschichte hervorgeholt. Ende Juli erschien ein aufwendig recherchiertes Video, das sich mit der Vergangenheit von Archon-CEO Jarosław „Jarek“ Ewertowski und dessen Verbindung zu Prodos Games beschäftigt.

Wer Prodos nicht kennt: Das britisch-polnische Unternehmen finanzierte 2013 unter anderem Alien vs. Predator: The Hunt Begins über Kickstarter. Aus ursprünglich angepeilten 35.000 Pfund wurden am Ende 379.141 Pfund von mehr als 2.000 Backern. Ein Riesenerfolg – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Spiel tatsächlich produziert und ausgeliefert werden musste.

  • AVP wird zum Fiasko …
    AVP wird zum Fiasko …
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Genau dort begann der Ärger. Die Auslieferung zog sich, Unterstützer berichteten über fehlende oder unvollständige Pledges, während Teile des Spiels bereits regulär im Handel auftauchten. Auch bei anderen Projekten war Prodos wegen Verzögerungen und schwieriger Kommunikation aufgefallen.

Prodos? Archon?

Die Verbindung zwischen Prodos und Archon ist kein Gerücht. Prodos Games Ltd hielt zeitweise 99 Prozent der Anteile an Archon. Jarek Ewertowski war schon zu Zeiten des AvP-Kickstarters Managing Director von Prodos Games und an The Hunt Begins auch als Designer beteiligt.

Das erklärt, warum die alte Geschichte heute wieder hochkommt. Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass das heutige Archon genauso arbeitet wie Prodos vor mehr als zehn Jahren.

Im Gegenteil: Archon hat sich in den vergangenen Jahren aus meiner Sicht ziemlich anders präsentiert. Ich habe selbst an einem ihrer Dungeons-&-Lasers-Kickstarter teilgenommen und Archon auch auf Messen erlebt. Das Unternehmen wirkte organisiert, professionell und als zuverlässiger Handelspartner.

Große Versprechen, kleiner Gutschein

Trotzdem scheint Archon gelegentlich noch in eine alte Falle zu treten: mehr versprechen, als sich später elegant einlösen lässt.

Beim Playtesting für StarCraft Tabletop Miniatures Game war den Beteiligten ein besonderer Rabatt in Aussicht gestellt worden. Am Ende erhielten Tester einen 10-Prozent-Gutschein für den Archon-Shop. Das wäre für sich genommen nicht dramatisch – nur lagen Händlerpreise teilweise bereits auf einem ähnlichen oder sogar günstigeren Niveau.

Ich möchte Archon dabei ausdrücklich keine böse Absicht unterstellen. Im Gegenteil: Ich war bei dem damaligen Livestream dabei und habe die Begeisterung und den Enthusiasmus der StarCraft-Entwickler durchaus abgenommen. Ich glaube ihnen auch, dass sie das Feedback der Community wirklich belohnen wollten.

  • StarCraft wird zum großen Erfolg für Archon …
    StarCraft wird zum großen Erfolg für Archon …
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Möglicherweise wurde damals schlicht unterschätzt, wie schwierig es später sein würde, aus einer großen Menge an Feedback noch sinnvoll herauszufiltern, wer was und in welchem Umfang beigetragen hat. Aus einem gut gemeinten Versprechen wurde so am Ende vor allem eine unglückliche Kommunikationsgeschichte.

Der Ärger vergeht. Die Anekdote bleibt.

Wer lange genug Brettspiele oder Tabletop-Projekte crowdfundet, kennt vermutlich selbst so eine Geschichte – oder wenigstens jemanden, der eine kennt.

Einige Freunde von mir warten beispielsweise noch auf CMONs A Song of Ice & Fire: Tactics. Das Projekt gehört inzwischen zu mehreren offenen Kampagnen, deren Produktion und Auslieferung weit hinter dem ursprünglichen Zeitplan liegen.

Und dann gibt es diese typischen Crowdfunding-Veteranensätze:

„Ach, das? Da war ich damals beim Kickstarter dabei.“

Meist folgt darauf eine Geschichte über drei Jahre Verspätung, explodierte Versandkosten, verschwundene Updates oder eine Box, die irgendwann völlig unerwartet vor der Haustür stand. Der Ärger ist längst verflogen, das Geld verschmerzt – aber die Anekdote ist geblieben.

Ich habe selbst einmal ein Buch über Kickstarter unterstützt, das eigentlich für meinen damals 16-jährigen Sohn gedacht war. Dann begann der Krieg in der Ukraine, Teile des Illustratorenteams saßen dort – und aus dem geplanten Geschenk wurde eine ziemlich lange Reise.

Ausgeliefert wurde das Buch schließlich kurz vor seinem 20. Geburtstag. Vier Jahre später als gedacht. Aber es wurde ausgeliefert. Und kaum ein Beispiel zeigt besser, warum Crowdfunding trotz all der professionellen Kampagnenseiten und Pledge Manager eben nicht dasselbe wie eine Bestellung im Laden ist.

Vom Wunderkind zum Sorgenkind

Auch hinter CMON selbst steckt inzwischen eine fast tragische Geschichte. Das Unternehmen war über Jahre eines der Wunderkinder der Brettspiel-Crowdfunding-Szene: Dutzende erfolgreiche Kampagnen, gewaltige Summen und Marken wie Zombicide, die zu riesigen Erfolgen wurden.

Inzwischen ist CMON jedoch wirtschaftlich stark angeschlagen, hat Kosten reduziert, Personal abgebaut und Teile seines Portfolios verkauft. Einige offene Crowdfunding-Projekte wurden verschoben, andere sollen über neue Fulfillment-Pläne noch abgearbeitet werden.

  • Der Produktionsplan von CMON …
    Der Produktionsplan von CMON …
    Der Produktionsplan von CMON …

Das macht die Sache für wartende Backer natürlich nicht angenehmer. Gleichzeitig zeigt es aber, dass hinter einem verzögerten Projekt manchmal mehr steckt als einfach nur ein Verlag, der seinen Zeitplan nicht im Griff hat.

Vorbestellung? Schön wär’s.

Genau darin liegt vielleicht ein Teil des Problems. Moderne Kampagnen sehen inzwischen aus wie perfekt durchgestylte Onlineshops: Renderings, Stretch Goals, Bundles, Versandtabellen und ein großer Button zum Bezahlen. Es fühlt sich nach Vorbestellung an.

Tatsächlich unterstützt man aber ein Vorhaben, dessen Produktion, Finanzierung und Logistik häufig noch nicht abgeschlossen sind. Liefertermine sind Schätzungen, Produktionskosten können sich ändern, Partner können ausfallen und aus einer vermeintlich simplen Box wird schnell ein ziemlich komplexes Unternehmen.

Und dann noch der normale Wahnsinn der Welt

Hinter so einem Spielekarton hängt schnell eine ganze Kette von Abhängigkeiten: Produktion in mehreren Ländern, Container, Zölle, Lizenzgeber, Währungskurse, Materialpreise und neue Vorschriften. Dazu kommen Kriege, Pandemien oder andere Dinge, die beim Start einer Kampagne niemand auf seinem Produktionsplan stehen hatte.

Und gelegentlich gibt es dann auch noch politische Entscheidungsträger, die neue Zölle ankündigen, verändern oder wieder zurücknehmen, während irgendwo auf der anderen Seite der Welt gerade jemand versucht, den Verkaufspreis einer Spielebox für die kommenden zwölf Monate zu kalkulieren.

Unternehmer müssen also Entscheidungen treffen, bevor sie alle Antworten kennen. Manchmal muss man sich ziemlich weit aus dem Fenster lehnen, damit ein Projekt überhaupt zustande kommt. Das kann vollkommen in bester Absicht passieren – und sich später trotzdem als nicht realisierbar herausstellen.

Ist Archon noch vertrauenswürdig?

Nach allem, was ich in den vergangenen Jahren gesehen habe: Ich hätte kein grundsätzliches Problem damit, bei Archon zu kaufen. Das Unternehmen hat wiederholt gezeigt, dass es große Projekte umsetzen und professionell ausliefern kann.

Die Prodos-Vergangenheit ist trotzdem Teil der Firmengeschichte. Und auch kleinere Episoden wie der StarCraft-Testerrabatt erinnern daran, dass man großen Versprechen bei Crowdfunding grundsätzlich mit etwas Gelassenheit begegnen sollte.

Vielleicht ist das ohnehin die vernünftigste Haltung. Wer unbedingt als Erster dabei sein möchte, exklusive Inhalte spannend findet und bereit ist, ein bisschen Unsicherheit mitzukaufen, für den bleibt Crowdfunding eine ziemlich faszinierende Sache.

Wer dagegen vor allem das fertige Spiel, einen klaren Preis und möglichst wenig Überraschungen möchte, kann sich die ganze Aufregung sparen.

Und irgendwo sitzt wahrscheinlich gerade Chris Roberts in einem weiteren Meeting und versucht, ein Projekt zu Ende zu bringen, das längst größer geworden ist als alles, was sich 2012 jemand vorgestellt hat. Die Backer warten weiter, diskutieren weiter und erzählen sich längst ihre eigenen Geschichten darüber.

Vielleicht ist das die seltsame Wahrheit über Crowdfunding: Man unterstützt nicht nur ein Projekt, sondern erweckt eine wilde Geschichte zum Leben.

Wenn du es lieber sicher haben willst, kauf im Laden. Wenn du die Chance auf die wilde Geschichte haben willst, mach Crowdfunding.

  • StarCraft wird zum großen Erfolg für Archon …
    StarCraft wird zum großen Erfolg für Archon …
    Bild 1/3: StarCraft wird zum großen Erfolg für Archon …
  • AVP wird zum Fiasko …
    AVP wird zum Fiasko …
    Bild 2/3: AVP wird zum Fiasko …
  • Der Produktionsplan von CMON …
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    Bild 3/3: Der Produktionsplan von CMON …
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