Die galaktische Kreuzfahrt von Kinson Key Games
Bei den aktuellen Dice Tower Awards war Galactic Cruise der große Gewinner. Das schwere Eurogame von T.K. King, Dennis Northcott und Koltin Thompson holte gleich drei Preise: Game of the Year, Best Strategy Game und Best New Designer. Damit setzte sich das Spiel gegen eine ziemlich prominente Konkurrenz durch – darunter Luthier, The Lord of the Rings: Fate of the Fellowship, Vantage, Speakeasy und The Elder Scrolls: Betrayal of the Second Era.
Für einen etablierten Verlag wäre das schon ein gelungener Abend. Für Kinson Key Games, dem kleinen Indie-Publisher aus Tennessee, ist es ein ziemliches Wunder. Denn hinter dem Erfolg steckt keine jahrzehntelange Verlagsgeschichte, sondern im Grunde die Geschichte von zwei alten Freunden, die vor ein paar Jahren beschlossen, ihre Brettspielideen nicht länger nur Ideen sein zu lassen.
Okay – irgendwo muss man ja anfangen
T.K. King und Koltin Thompson kennen sich seit ihrer Kindheit. Thompson erzählt in Interviews, dass die beiden schon früh davon träumten, gemeinsam etwas Unternehmerisches auf die Beine zu stellen. Mit Beginn der 2020er Jahre gingen sie es schließlich an.
Dabei könnte man sagen, dass es mit einem klassischen Fall von schlechtem Timing losging. Im März 2020 – die Medien berichteten gerade immer häufiger über dieses neue, merkwürdige Virus – saßen die beiden zusammen und fanden es offenbar spannend, ein Kartenspiel rund um ein Virus zu entwickeln.
So rasant, wie Covid die Welt eroberte, so rasant entstand auch Delivirus. Kaum Playtesting, wenig Entwicklung, praktisch kein Marketing. Bereits im Mai, also nur zwei Monate später, ging das Spiel auf Kickstarter. Ob der überschaubare Erfolg an der fehlenden Vorbereitung lag oder daran, dass die Welt zu diesem Zeitpunkt schlicht keine große Lust auf ein Virusspiel hatte, lässt sich im Nachhinein kaum sagen. Finanziert wurde die Kampagne trotzdem: Etwas mehr als 100 Exemplare wurden produziert, von Hand adressiert und verschickt.
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Delivirus – Sollte den Lockdown erträglicher machen
Das Virus brachte für die beiden aber auch etwas Positives mit sich. Thompson, ursprünglich Pädagoge in East Tennessee, kannte bis dahin vor allem moderne Klassiker wie Catan, Carcassonne oder Zug um Zug. Während der Pandemie tauchte er dann deutlich tiefer in die Welt der Brettspiele ein.
Und danach passierte: erst einmal gar nicht so viel.
Auf BoardGameGeek besitzt Delivirus heute gerade einmal drei Bewertungen – eine davon von Thompson selbst, eine weitere von T.K. Kings Frau. Thompson bezeichnet das Spiel rückblickend sinngemäß als bestenfalls mittelmäßig. Gleichzeitig macht er aber deutlich, dass Delivirus die Tür in die Spielebranche geöffnet hat. Sie lernten, wie man eine Kickstarter-Kampagne aufsetzt, ein Produkt produziert und am Ende tatsächlich an Unterstützer verschickt.
King und Thompson machten einfach weiter.
Rakete trifft Kreuzfahrtschiff
Im Mai 2021 entstand der erste Entwurf eines Spiels, bei dem die beiden merkten, dass diesmal etwas anderes auf dem Tisch lag. Die Ausgangsidee klingt dabei fast verdächtig plump. Das Team mochte Kreuzfahrten. T.K. King mochte außerdem besonders gern Weltraum. Das Ergebnis war Galactic Cruise.
Sie entwickelten zwei Jahre an der Spielidee weiter, rückten Grafik, Produktion und Marketing stärker in den Mittelpunkt. Dennis Northcott stieß 2023 dazu.
So entstand ein komplexes Eurogame, in dem wir als Führungskräfte eines Weltraumtourismusunternehmens luxuriöse Reisen ins All organisieren. Wir bauen Shuttles, planen Flüge, versorgen die Schiffe mit Nahrung, Sauerstoff und Treibstoff und versuchen gleichzeitig, uns innerhalb des Unternehmens als potenzielle Nachfolger des abtretenden CEO zu positionieren. Mechanisch verbindet das Spiel unter anderem Worker Placement, Tableau Building und Ressourcenmanagement.
Das Team hatte viel Zeit und Liebe in die Entwicklung gesteckt und ahnte, dass es da ein wirklich gutes Eurogame hatte. Und es wollte eine würdige Verpackung für sein Werk.
Wenn schon, dann O'Toole
Für das Artwork wünschten sie sich niemand Geringeren als Ian O'Toole.
Wer schwere Eurogames spielt, dürfte seiner Arbeit schon begegnet sein. O'Toole hat unter anderem Lisboa, On Mars, Voidfall und das ebenfalls bei den Dice Tower Awards nominierte Speakeasy gestaltet. Man könnte fast meinen, der in Australien lebende irische Grafikdesigner gehöre bei ambitionierten Eurogames inzwischen zur erweiterten Award-Vorbereitung. Vor allem aber gehört er zu jenen Grafikdesignern, deren Arbeit nicht nur gut aussieht, sondern komplexe Spielabläufe auch verständlich darstellt.
Würde ein kleiner Verlag bei so einem Schwergewicht überhaupt Gehör finden? Nachdem das Team mit O'Toole gesprochen hatte, stand fest: Er war der richtige Mann – und er würde den Job machen.
Aber er hatte keine Zeit.
Wenn man ein gefragter Künstler ist, hat man natürlich einige Projekte in der Pipeline. Eigentlich wollte Kinson Key Galactic Cruise schon Ende 2022 auf Kickstarter bringen. O'Toole konnte allerdings erst im Frühjahr 2023 mit der Gestaltung beginnen. Sollten sie auf ihn warten? Immerhin würde sich der geplante Launchtermin um anderthalb Jahre verschieben. Oder sollten sie einfach einen anderen Künstler engagieren, der Zeit hätte? Davon gab es einige. Und sicher auch gute.
Die Rakete zündet nicht – noch nicht
Sie entschieden sich zu warten. Und anstatt die zusätzliche Zeit einfach abzusitzen, wurde weiter getestet. Sehr viel getestet.
Thompson beschreibt heute „Take your time“ als eine der wichtigsten Lektionen, die er angehenden Spieleentwicklern geben würde. Das umfangreiche Online-Playtesting brachte Galactic Cruise schließlich eine Testgruppe von mehreren hundert Menschen ein. Während O'Toole endlich die Gestaltungsarbeit aufnahm, wurde das Spiel mechanisch weiter geschliffen.
Interessant dabei ist, wie sich das Team in der Designer-Community bewegte. T.K. King verbrachte über zwei Jahre fünf Abende pro Woche mit Playtests. Wobei rund 70 Prozent davon nicht einmal Galactic Cruise galten, sondern den Prototypen anderer Entwickler. Damit entstand nicht nur Erfahrung, sondern auch eine gehörige Portion Goodwill in der Community.
Auch wenn es wie ein Erfolg wirkt, der über Nacht kam – jetzt wissen wir, dass dahinter Jahre aus Playtesting, Community-Arbeit und Vorbereitung standen.
O'Toole entfacht das Feuer
Auch beim Marketing wurde diesmal wenig dem Zufall überlassen.
Für den Kickstarter holte sich Kinson Key professionelle Hilfe von den Crowdfunding Nerds, einer auf Brettspiel-Crowdfunding spezialisierten Marketingagentur, und investierte rund 12.000 US-Dollar in Facebook-Werbung. Das Ziel waren 10.000 Kontakte. Zum Start folgten bereits mehr als 13.000 Menschen dem Projekt auf Kickstarter.
Dann zeigte Ian O'Toole das fertige Cover auf BoardGameGeek – und lobte dabei auch das Spiel selbst. Das reichte, um Galactic Cruise für mehrere Tage in die BGG Hotness zu katapultieren. Das Team nahm die Box mit zu Conventions und sorgte sehr bewusst dafür, dass das charakteristische Cover immer wieder auftauchte.
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Omnipräsenz im Großformat: Die markante Galactic Cruise Box auf Messen und Conventions …
Man könnte also sagen: Sie setzten ihre Energie ziemlich genau dort ein, wo sie den größten Schub erzeugte.
Dabei verzichtete Kinson Key gleichzeitig auf einige typische Crowdfunding-Tricks. Es gab keine klassischen Stretch Goals, weil zusätzliche Inhalte Produktion und Playtesting verzögert hätten. Gameplay-exklusive Kickstarter-Inhalte wollte man ebenfalls vermeiden. Preise und Inhalte wurden schon vor dem Start transparent kommuniziert.
Dann kam der 4. März 2024. Der Tag des Launches.
Vier Minuten
Das war die Zeit, die Galactic Cruise brauchte, um den Finanzierungsorbit zu erreichen.
Am Ende der 29-tägigen Kickstarter-Kampagne standen 807.918 US-Dollar und 8.090 Backer bei einem ursprünglichen Ziel von 50.000 Dollar.
Aus den beiden Freunden, die vier Jahre zuvor innerhalb von sechs Wochen ein kleines Kartenspiel zusammengebaut und praktisch ohne Marketing ins Internet gestellt hatten, war plötzlich ein Verlag mit einem der auffälligsten Eurogame-Kickstarter seiner Zeit geworden.
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So weit ging die Reise dann doch nicht. Ein kleiner April-Scherz von Kinson Key Games …
Diesmal blieb es nicht lediglich bei einem erfolgreichen Crowdfunding. Galactic Cruise kam bei den Spielern gut an. Es kamen Empfehlungen. Dann der Handel: Inzwischen ist das Spiel weltweit in vielen Sprachen erhältlich.
Und es kamen die Awards. Dazu gleich drei Dice Tower Awards an einem Abend.
Das Bemerkenswerte daran ist vielleicht weniger, dass ein Kickstarter viel Geld eingesammelt hat. Davon gibt es inzwischen einige. Das Bemerkenswerte daran ist die Erfahrung, die die Entwickler aus ihrer ersten Testrakete mitgenommen haben: die richtige Idee finden, testen, die richtigen Leute finden und noch mehr testen. Und Geduld haben, wenn es nötig ist.
Manufaktur statt Fließband
Kinson Key Games ist inzwischen kein Wohnzimmerprojekt mehr. Das Unternehmen wird heute von T.K. King, Koltin Thompson und Dennis Northcott geführt; Mark Boyd kümmert sich als Head of Communications um die Kommunikation des kleinen Verlages.
Eine große Produktpalette möchte man bei Kinson Key offenbar trotzdem nicht. Thompson erklärte im Interview, dass der Verlag bewusst nur ein bis zwei Spiele pro Jahr veröffentlichen möchte. Das klingt nicht viel, gemessen an der Vorbereitung für Galactic Cruise ist das aber eine Menge Arbeit. Denn der selbstgesteckte Maßstab ist hoch: Jedes Spiel soll das Potenzial haben, für irgendjemanden zum besten Spiel aller Zeiten zu werden.
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Galactic Cruise mit einigen der Erweiterungen …
Im Nachhall des Erfolgs war Kinson Key erst einmal eine Weile mit Galactic Cruise beschäftigt: Erweiterungen wurden herausgegeben, Lokalisierungen erforderten Aufmerksamkeit und der Handel wollte bedient werden. Irgendwann stellte sich für den kleinen Verlag aber die interessantere Frage:
Und was kommt jetzt?
Zurück auf die Erde
Die Antwort sollte sich ziemlich weit weg von luxuriösen Weltraum-Kreuzfahrten finden lassen.
Manoomin: The Food That Grows on Water, das ursprünglich als nächstes großes Spiel geplante Projekt, beschäftigt sich mit der traditionellen Wildreisernte der Ojibwe. Statt Raumstationen, Shuttles und Weltraumtouristen geht es also um Seen, Ernte und eine Kultur, die kaum weiter von dem entfernt sein könnte, wofür Kinson Key bis dahin stand.
Warum? Vielleicht gerade, weil es so weit wie möglich von dem entfernt ist, was Galactic Cruise ist. Und weil man zeigen will, dass Kinson Key nicht nur Weltraum kann.
Manoomin sollte also den nächsten großen Schritt markieren: ein neues Eurogame, ein vollkommen anderes Thema und wieder der Anspruch, daraus nicht einfach nur das nächste Produkt im Veröffentlichungsplan zu machen.
Und genau das machte die Sache kompliziert.
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Es wächst noch: Manoomin im Playtesting …
Der Typ im Nebenraum ist schneller
Bei einem Spiel wie Manoomin lässt sich nicht jede Entscheidung allein am Spieltisch treffen. Das Thema basiert auf einer realen Kultur und einer realen Tradition. Entsprechend aufwendig ist die Recherche. Kinson Key arbeitet dabei unter anderem mit Menschen zusammen, die bei historischen und sprachlichen Fragen beraten.
Irgendwann war klar: Dieses Spiel braucht noch Zeit.
Das wäre vermutlich kein großes Problem gewesen, wenn nicht gewissermaßen im Nebenraum bereits das nächste Projekt gestanden hätte.
Dort entwickelte Ben Rosset Excursions und kam gut voran.
Excursions führt zurück in die Welt von Galactic Cruise, setzt aber auf ein wesentlich zugänglicheres Spielerlebnis. Statt eines schweren Worker-Placement-Eurogames planen ein bis sechs Spieler die Ausflüge ihrer Weltraumtouristen, stellen Reiserouten zusammen und verbessern ihre Flotte. Die Aktionen laufen teilweise gleichzeitig ab, eine Partie soll ungefähr 60 bis 90 Minuten dauern.
Auch optisch bleibt die Familie zusammen: Ian O'Toole gestaltet erneut das Spiel. Seine Illustrationen und das Grafikdesign sorgen dafür, dass sich Excursions sofort als Teil derselben Welt erkennen lässt. Kinson Key bezeichnet das Spiel inzwischen sogar ausdrücklich als Reimplementation von Galactic Cruise.
Und auch preislich verlässt Excursions ein Stück weit den Orbit des großen Mutterschiffs: Die angekündigte Retail Edition soll 39 US-Dollar kosten.
Damit hatte Kinson Key plötzlich ein ziemlich alltägliches Problem für einen Verlag: Das Spiel, das eigentlich zuerst erscheinen sollte, war noch nicht fertig. Das Spiel dahinter schon fast.
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Excursionsankündigung für den 6. Oktober
Also was tun?
Manoomin beschleunigen, damit der einmal aufgestellte Veröffentlichungsplan eingehalten wird?
Excursions künstlich zurückhalten, damit zwischen zwei Galactic-Cruise-Spielen erst einmal etwas völlig anderes erscheint?
Oder einfach akzeptieren, dass Spiele manchmal ihre eigene Reihenfolge bestimmen?
Kinson Key blieb sich treu und entschied sich für Letzteres.
Am 6. Oktober 2026 darf Excursions auf Kickstarter abheben.
Und Manoomin darf so lange wachsen, wie es eben braucht.
Hier gehts zum Excursions-Kickstarter: https://www.kickstarter.com/projects/kinsonkeygames/excursions-a-galactic-cruise-game
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Bild 1/7: Delivirus – Sollte den Lockdown erträglicher machen -
Bild 2/7: Excursionsankündigung für den 6. Oktober -
Bild 3/7: Galactic Cruise mit einigen der Erweiterungen … -
Bild 4/7: Omnipräsenz im Großformat: Die markante Galactic Cruise Box auf Messen und Conventions … -
Bild 5/7: So weit ging die Reise dann doch nicht. Ein kleiner April-Scherz von Kinson Key Games … -
Bild 6/7: Es wächst noch: Manoomin im Playtesting … -
Bild 7/7: Manoomin: Die Kinson Key Games Handschrift ist erkennbar.